Sozialpolitischer runder Tisch der Linken zum Thema Kinderarmut
In ihrer Begrüßungsrede zitierte Frau Bulling-Schröter die erschreckenden Zahlen aus dem Sozialbericht der Stadt Ingolstadt. In der Boomtown Ingolstadt lebt jedes zehnte Kind in Armut. 29 Prozent der Alleinerziehenden mit Kind sind Hartz IV Empfänger und von Armut bedroht. Hier liegt Ingolstadt, in den sonst so stolz präsentierten Rankings weit zurück. Das eigentlich verwerfliche so Bulling-Schröter ist: „Dass es hier jene trifft die das Leben noch gar nicht richtig begonnen haben. Die in Armut geboren wurden und fast keine Chance haben sich daraus zu befreien“.
Als Hauptredner des Abends konnte für die wiederum hochkarätig besetzte Gesprächsrunde Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes gewonnen werden.
Der ehemalige Bürgermeister von Dormagen stellte das unter ihm eingeführte Präventionsmodell – „Netzwerk für Familien“ vor, für das das skandinavische Erziehungsmodell als Vorbild diente. In Dormagen werden alle neugeborenen Kinder, egal ob arm oder reich von den zuständigen Sozialarbeitern begrüßt. Bei dem Besuch bekommen die Eltern ein umfassendes Begrüßungspaket mit allen Informationen und Formularen die für erste Lebenszeit wichtig sind. Ähnlich wie in Dänemark wo sogar die Kronprinzessin vor kurzen Besuch vom Jugendamt bekam, weil sie einen kleinen Prinzen gebar“. In Dormagen hat Hilgers als Bürgermeister, bereits vor fünfzehn Jahren damit begonnen, in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Politik, Verwaltung und den örtlichen Wohlfahrtsverbänden ein überzeugendes Präventionsmodell aufzubauen. Die Schwerpunkte des Frühwarnsystems zum Schutz vor Kindesarmut , aber auch Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung liegen laut Hilgers vor allem in der Beratung, Unterstützung und Hilfe für Familien in Fragen der Betreuung und Erziehung, sowie in der Sicherung der Grundbedürfnisse und Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben auch für arme Familien.
In der nachfolgenden Diskussion waren die anwesenden Sprecher von Diakonie, Caritas, Sozialdienst katholischer Frauen, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften und Jobcenter Ingolstadt darüber einig, dass die Prävention so früh als irgendwie möglich einsetzen muss. In den meisten Fällen bedarf es ab dem dritten Lebensjahr keine Hausbesuche mehr weil die Eltern gerne und freiwillig zum Amt kommen“, so Heinz Hilgers. Isfried Fischer vom Jobcenter der Stadt Ingolstadt sah vor allem das Problem der Finanzierung. Dagegen konterte ein ehemaliger Ingolstädter Streetworker: „Weitaus höhere Kosten kommen auf die Kommune zu, wenn einfach nichts getan wird.“ Er beklagte, „ich habe jahrelang darauf hingewiesen, dass auf Ingolstadt ein großes Gewalt- und Drogenproblem zukommt, es war den Verantwortlichen egal. Heute möchte man durch schärfere Gesetze, der Jugendgewalt her werden.“ Bernardin Porstner, Leiter vom Kinderdorf Marienstein bekräftigte den Streetworker mit dem Argument: „Die Betreuungskosten für einen gescheiterten“ Jugendlichen liegen derzeit bei 130,00 € / Tag".
Auch die Stadträte der Linken Ulrike Hodek und Jürgen Siebicke überzeugte das Dormagener Modell durch klare Ergebnisse. „ich komme gerade von einer Sitzung im Rathaus wo wir uns intensiv darüber Gedanken gemacht haben wie wir an Eltern herankommen um sie davon zu überzeugen ihre Kinder frühzeitig in den Kindergarten zu bringen. Heute Abend, wurde uns die Lösung gezeigt“ So Stadtrat Jürgen Siebicke.
Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes Heinz Hilgers fand auch deutliche Worte zum aktuellen Thema Kindesmissbrauch. Hilgers wies darauf hin, dass "sexueller Missbrauch in allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft passiert, nicht nur in den aktuell betroffenen Einrichtungen, sondern auch in öffentlichen Schulen, Sportvereinen und vor allem in den Familien“. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbund fordert, dass die Pflicht zur Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses in regelmäßigen Abständen nicht nur für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendhilfe gelten sollte, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen. Dafür müsste das Schulrecht in den Bundesländern entsprechend angepasst werden.